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Stolpersteine auch für Osten


strassenschild-k.jpgUnter der Schirmherrschaft des Ostener Bürgermeisters Carsten Hubert soll im Schwebefährendorf mit spendenfinanzierten "Stolpersteinen" der ermordeten Juden des Dorfes gedacht werden.

Das wurde am Donnerstag am Donnerstag bei der Eröffnung einer Ausstellung im Rathaus Hemmoor bekannt, die Schülerinnen und Schüler der Hemmoorer Förderschule der Verfolgung der Juden, insbesondere der Ostener Familie Philippsohn, gewidmet haben.

Teilnehmer der Vernissage zeigten sich beeindruckt von der Arbeit der Förderschüler. "Jugendliche von heute beschäftigen sich mit der Geschichte der jüdischen Jugendlichen aus der NS Zeit. Das verdient absolute Hochachtung, zumal sie sich selber diese Aufgabe gestellt haben," urteilte der Kommunalpolitiker, Kinderschützer und AG-Osteland-Mitbegründer Johannes Schmidt: "Damit bleibt dieses Projekt und das Wissen über ausgegrenzte und ermordete Kinder der NS-Zeit ein Leben lang als emotionaler Erinnerungsbaustein in den Köpfen dieser Schülerinnen und Schüler."

Das Schicksal der Familie Philippsohn ist auch Thema des folgenden Textes von Jochen Bölsche, der zuerst 2009 in dem Buch "Über die Oste" (MCE) erschienen ist - unter der Überschrift "Träume nicht, gleich kommt die Gondel - 1941: Die letzte Fährfahrt der jüdischen Familie Philippsohn".

Der Winter naht, die drei Ostener tragen dicke Mäntel, auf die der Dorfschneider noch am Abend zuvor den gelben Judenstern genäht hat. 

Bepackt mit Rucksäcken, gehen Adolf und Irmgard Philippsohn mit ihrer13-jährigenTochterAnna-Luise am Morgen des 18. November 1941 von ihrem Haus Deichstraße 39 zur Schwebefähre. Es soll die letzte Fährfahrt ihres Lebens sein.

„Lieselke, komm! Träume nicht! Da kommt gleich die Gondel“, sagt der Vater zur Tochter – jedenfalls in einer 2005 im Web (www.schwebefaehre.org) veröffentlichten Erzählung des Cadenberger Autors und Musikers Knut-Michael Senftleben, der die Vorgänge aus der Sicht des Mädchens zu schildern versucht.

„Komm, Lieselke, jetzt müssen wir durch die Schranke. Johannes macht das Gitter gleich zu“, sagt der Vater in Senftlebens einfühlsamem Text. Und Anna-Luise schaut zurück: „Ich sehe das Fährhaus, und ich sehe und sehe und sehe auch die Kirche...Gleich sind wir an der anderen Seite.Vater hat mit keinem der anderen Erwachsenen geredet. Mit mir redet er, aber nicht mit den anderen. Ein komischer Tag ist das heute.“

Belegt ist, dass der jüdische Produktenhändler Philippsohn und seine Familie an jenemTag auf Geheiß der Gestapo eine Reise antreten müssen, die in einemVernichtungslager im weißrussischen Minsk endet, in dem kaum jemand eine Überlebenschance hat. 

Vom Bahnhof Basbeck-Osten geht die Fahrt zunächst zu einem Sammelpunkt in Bremen, wo die Philippsohns zusammen mit 570 weiteren rassisch Verfolgten aus dem Elbe- Weser-Dreieck in ungeheizte Waggons gepfercht werden.

Das Schicksal, das die Deportierten nach der Ankunft im Ghetto von Minsk erwartet, ist Thema einer Rede, die der Ostener SPD- Vorsitzende Lothar Klüser mehr als ein halbes Jahrhundert später, am 8. Mai 1995, zum 50. Jahrestag des Kriegsendes auf dem jüdischen Friedhof in der Wingst halten wird: „Um die neu Angekommenen unterzubringen, wurden Tausende bereits im Ghetto lebender Juden erschossen. Die Toten wurden, vielleicht auch von den Philippsohns, in Baracken gestapelt, weil sie wegen des gefrorenen Bodens nicht beerdigt werden konnten. In unmöblierten, ungeheizten Wohnungen, ohne Nahrungsmittel, überließ man die Menschen ihrem Schicksal. Sie erfroren, verhungerten, starben an Krankheiten, und die letzten wurden schließlich erschossen oder in fahrbaren Gas-wagen vergast.“

Bei seiner Rede auf dem stillen Waldfriedhof, auf dem auch die Eltern von Adolf Philippsohn bestattet sind, kann Klüser sich auf Forschungsarbeiten des Ostener Schulrektors Wilhelm Jonscheck stützen. Der SPD- Kommunalpolitiker hat Mitte der 1990er Jahre das Schicksal der Philippsohns in einem Buch mit demTitel „Geheime Staatspolizei – Außenstelle Cuxhaven“ beschrieben und damit ein Tabu gebrochen.

„Aus dem Gedächtnis des Dorfes war die Familie Philippsohn lange ausgeklammert, ein Thema voller Wunden“, urteilen die Ostener Brüder Rüdiger und Dr. Manfred Toborg, die Jonschecks Arbeit fortsetzen und 2004 im Eigenverlag eine Broschüre veröffentlichen. Darin zeichnen sie das Bild einer integrierten Hadeler Familie: Der Produktenhändler Philippsohn redet platt, spielt Skat, ist Mitglied im Kegelclub und Schüt- zenverein; die Namen seiner Brüder Simon und Bruno, gefallen im Ersten Weltkrieg, sind ins Ostener Ehrenmal eingemeißelt; Tochter Anna-Louise, genannt Anneliese, ist eine beliebte Schulfreundin und Spielkameradin.

Doch spätestens 1938, im Jahr der Reichspogromnacht, erreicht der nationalsozialistische Rassenwahn auch Osten. Zu dessen Wegbereitern zählt unter anderem ein Mann aus Lamstedt, jenseits des Flusses: Der Lehrer, Heimatforscher und hochrangige NS-Rassekundler Willi Klenck preist nicht nur im „Niedersachsen-Stürmer“ die „Vernichtung des Judentums“ als „Gebot der Selbsterhaltung“, sondern legt selber zwecks „sippenkundlicher Bestandsaufnahme“ genealogische Datensammlungen an. Karten mit einem „F“ als Hinweis auf „fremden Blutseinschlag (Juden, Neger, Zigeuner)“ werden in Kopie an den „Kreissachbearbeiter“ weitergereicht.

Zu den Opfern des NS-Rassismus zählt 1938 die kleine Anneliese, damals zehn Jahre alt: Sie wird zwangsweise ausgeschult, Ostener Eltern verbieten ihren Kindern fortan den Umgang mit dem „Judenmädchen vom Deich“. Bald darauf muss der im Dorf hoch angesehene Vater sein Geschäft aufgeben. Immerhin darf er zunächst weiter den Milchwagen des Ortes fahren – bis die Gestapo die Deportierung der Familie ins Vernichtungslager befiehlt.

Noch Jahrzehnte nach Kriegsende wird im Dorf auch über das Schicksal eines anderen Mitbürgers geschwiegen: Der Zementarbeiter Clements Ludwik aus Osten-Altendorf hat 1944 auf der Gondel der Schwebefähre sein Bedauern über das Scheitern des Hitler-Attentats vom 20. Juli ausgedrückt. Wenn der Anschlag geglückt wäre, sagte er sinngemäß, würde sich der Krieg wenigstens nicht länger hinziehen. 

Von zwei Ostener Mitpassagieren, einem Briefträger und einem Fährmann, wird er denunziert und vom Volksgerichtshof in Berlin wegen „staatsfeindlicher Äußerungen“ zum Tode verurteilt. Nach der Hinrichtung am 13. November 1944 wird der Witwe die Urne mit den Worten zugestellt: „Da ist Ihr Mann drin.“

Erst fünfzig Jahre später, in einer NDR- Hörfunksendung über den Ort, machen zwei alte Ostenerinnen den Fall publik. Einer der beiden Denunzianten, berichten sie, habe 1944 im Dorf geradezu „geprahlt“ mit seinen Zeugenaussagen: Im Berliner Gerichtssaal seien die Wände „mit blutroten Fahnen ausgestattet, das sieht aus wie Blut“.

Solche Geschehnisse werden noch in der 1985 erschienenen, 450 Seiten starken Gemeindechronik „ausgespart“, wie die Brüder Toborg kritisch anmerken. Der damalige Dorfchronist war der Ansicht, man könne „die zwölf Jahre ‚Das 1000-jährige Reich’ übergehen, denn es wird in vielerlei Publikationen, besonders vom Ausland her, immer noch und immer wieder etwas an Aufklärung und Abschreckung gebracht“.

Reichlich zitiert wird in der Ostener Chronik indessen der Heimatforscher Klenck, der nach dem Krieg weiter als Lehrer wirkt. In Lamstedt wird sogar ein „Willi-Klenck-Weg“ nach ihm benannt.

In dieser Hinsicht kann die rassisch verfolgte Familie Philippsohn 2004 mit dem Lamstedter Rassismusprediger gleichziehen. Auf Betreiben insbesondere der Brüder Toborg benennt die Gemeinde Osten die Straße „Am Dubben“ in „Philippsohnstraße“ um – 63 Jahre nach der letzten Fährfahrt der Familie Philippsohn.

www.oste.de


Lesen Sie auch den Bericht in der Niederelbe-Zeitung: Ausstellung von Ostener Juden-Familie




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